Leseprobe gefällig?

Sonntag, 9. August 2015 | / |

Prolog

Es ist diese trügerische Normalität, die alles nur noch schlimmer macht. Eine Normalität, die absolut nicht mehr in meinen Alltag passt und mich versucht davon zu überzeugen, dass es doch so ist. Dass alles noch in Ordnung ist. Was es nicht ist....
»Emma, mein Engel. Komm bitte mit runter...« Seit zwei Tagen liege ich bereits in meinem Bett. Abwechselnd an die Decke starrend und das Gesicht im Kissen vergrabend – in ihr Kissen. Ich weiß, dass ich meinem Vater mit meinem Verhalten Schmerzen zufüge und Unrecht tue. Er braucht mich und ich müsste für ihn da sein, aber ich kann es nicht. Ich schaffe es nicht, nach meinem alten Schema weiterzumachen. Zu wissen, dass der Alltag weitergeht. Ohne sie. Ohne meine geliebte Mutter, die mir mein Leben lang Kraft gegeben hat. Der ich nicht oft genug gesagt habe, wie viel sie mir bedeutet.

Ich hatte einige Monate Zeit, mich mit dem Gedanken abzufinden, ohne sie sein zu müssen. Kann man sich darauf wirklich vorbereiten? Ist man jemals bereit, loszulassen?

Ich habe nicht geweint. Kein einziges Mal. Denn dann wäre es real. Es wäre das Eingeständnis, dass meine Mutter weg ist. Dass sie den Kampf, gegen den sie von Anfang an keine Chance hatte, verloren hat. Dass meine Mutter, die viel zu jung, viel zu gut war, aus ihrem Leben gerissen wurde.

»Claudia ist hier. Willst du sie nicht sehen?« Mein Vater klingt frustriert und beinahe flehend. Er betritt mein Zimmer nicht. Er versteht, wie wichtig mir dieser Rückzugsort im Moment ist. Ich antworte nicht, obwohl es mir tatsächlich ein Trost wäre, sie zu sehen. Claudia und Kay sind unsere Nachbarn und für mich stets wie zweite Eltern gewesen.

Meine Eltern und sie sind schon seit Kindheitstagen befreundet und die Nachbarschaft war geplant. Claudia war die beste Freundin meiner Mutter. War. Mama.

Ich höre, wie die Schritte meines Vaters sich schlurfend entfernen und er langsam die Treppen hinuntergeht. Ich kann ihn nicht ansehen. Kann, trotz der Tür zwischen uns, seine Trauer spüren und würde es nicht aushalten, den Kummer in seinen Augen zu sehen. Zu wissen, dass er versucht für mich stark zu sein, obwohl er seine große Liebe verloren hat.

Ich drehe mich auf die Seite, bette den Kopf auf meinen angewinkelten Arm und starre aus dem Fenster in den Garten. Die Sonne scheint verräterisch, lässt die Welt friedvoll erscheinen. Harmonisch. Singende Vögel, lachende Kinder. Alles ist falsch. Aber die Erde dreht sich weiter, als würde nicht ein entscheidendes Puzzlestück fehlen.

Ich drehe mich nicht um, als sich die Tür leise öffnet. Schließe die Augen, als sich meine Matratze hinter mir senkt. Ungefragt legt Claudia sich hinter mich und zieht mich in eine behutsame Umarmung. Nicht weinen! Das ist nicht echt! Nicht weinen! Als mir Claudia sanft über die Haare streichelt, werde ich von meinen Gefühlen überwältigt. Alle Dämme brechen und ich kann kaum noch atmen. Ihre warme Haut fühlt sich tröstend an, aber ich will nicht beruhigt werden. Ich möchte nicht, dass es so sein muss.

»Lass los, mein Liebling! Weine ruhig!« Ich gebe auf und lasse die ersten Tränen kullern. Ich fühle mich nicht wie fünfzehn, sondern wie fünf – bin erschöpft. Mein Kopf schmerzt und erst, als ich eine zierliche Hand an meinem Arm spüre, öffne ich die Augen. Vor mir steht Betty, Claudias sechsjährige Tochter, und sieht mich eindringlich an.

»Bist du traurig wegen deiner Mami?« Ich nicke und schluchze erneut. Als ich sehe, dass ihre Unterlippe anfängt, zu beben und auch ihr Tränen in die Augen treten, öffne ich die Arme. Umständlich klettert sie aufs Bett und schmiegt sich eng an meinen Bauch.

»Ich vermisse sie auch«, wispert sie nach einiger Zeit.

Claudia legt ihren Arm um uns beide und flüstert tröstende Worte. Nachdem ich mich langsam beruhigt habe, schaut auch Betty mich mit ihren rehbraunen Augen an und lächelt zögerlich.

»Willst du auch ein Schokoladeneis? Dein Papa hat extra deine Lieblingsorte gemacht.« Ich nicke. Als sie weg ist, setze ich mich jedoch auf und verdrehe die Augen.

»Das hat er nur getan, damit ich ihm verzeihe. Das kann er vergessen!«

Claudia sieht mich mitfühlend an und streicht mir eine Strähne hinters Ohr. »Dein Vater meint es nicht böse. Du musst ihn verstehen. Das Haus erinnert ihn zu sehr an deine Mutter und er will auch dir einen Neuanfang ermöglichen.« Ich stöhne genervt auf. Das ist nicht mein Bestreben.

»Er denkt nur an sich. Ich will nicht weg – von Sophia und von euch. Meine Mutter ist tot. Ihr seid doch alles, was ich noch habe.« Meine Stimme bricht und ich vergrabe das Gesicht in den Händen. Es ist schwer, auszusprechen, dass sie wirklich... tot ist.
»Und deinen Vater, Emma.«
»Mit ihm kann ich aber nicht reden. Er ist doch sowieso schon so unglücklich.« Claudia scheint mich als Einzige zu verstehen. Meine Mutter war für sie mehr als eine Freundin – sie sind gemeinsam aufgewachsen.

Sie steht auf und weist mich an, auf sie zu warten.
Nach fünf Minuten kehrt sie, etwas an die Brust gedrückt, ins Zimmer zurück und reicht es mir. Es ist ein schlichtes, braunes Buch, das mit einem Gummiband verschnürt ist. Fragend hebe ich die Augenbrauen.

»Hier sollst du alles hineinschreiben, was dir auf dem Herzen liegt, Liebling.« Tastend streiche ich über das raue Material. Es fühlt sich gut unter meinen Fingern an, aber ich verstehe nicht ganz, was es mir bringen soll.
»Ein Tagebuch?« Leichte Lachfältchen bilden sich neben ihren Augen.
»Ein Freund.« Ich nicke verständig, auch wenn ich es nicht ganz begreife. Wie soll ein Buch meine Freunde ersetzen? Trotzdem umarme ich sie und danke ihr für die liebe Geste.

Kapitel 1 Emma

Fünf Jahre später
08.08.2009

Liebes Tagebuch, blablabla.
Darüber sind wir schon lange hinweg, oder? 

Was für ein deprimierendes Leben ich doch führe. Weißt du, wen ich heute getroffen habe? Den Krüger. Würg!
Er hat mir ins Gesicht gelogen – wie sehr er mich als Mitarbeiterin vermisst.
ALS OB! Vielleicht seh´ ich ja so blöd aus, dass er denkt, er könnte mich veralbern. Ich sehe seinen dämlichen Blick bis heute vor mir, als ich ihm meine Kündigung vorgelegt habe. Ganz genau habe ich gesehen, dass er insgeheim froh ist, mich nicht länger an der Backe zu haben. Er war schon immer ein Schisser und ich wette, er hatte bloß nicht den Mumm, mich zu entlassen. Und dann ist da auch noch Papa...

Puh. Es tut nach wie vor weh. Ich kann bislang nicht über meinen Vater reden. Aber ich bin mir sicher, dadurch hat mein Chef sich nur noch mehr dazu gezwungen gefühlt, mir meinen Lohn zu zahlen. Als hätte ein Job auf diesem untergehenden Schiff noch einen Sinn gehabt.
Ahoi und ade. Aber jetzt geht’s los!
Jetzt genieße ich mein Leben. Ich... Oh, Phia ruft an.

Sobald ich mein Handy zwischen Ohr und Schulter klemme, sprudelt mir ein Schwall Wörter entgegen. Meine beste Freundin sieht keinen Sinn in langen Begrüßungen oder gepflegtem Smalltalk.

»Was gibt’s, Chica? Hast du die Nachricht bekommen? Du musst kommen. Du hast keine andere Wahl, weil ich dich dich bereits angemeldet habe.« Mir ist sofort klar, worüber sie redet und ich habe schon befürchtet, dass sie mich damit bombardiert.
»Nun ja, Chica. Es ist nicht so, dass ich alle wiedersehen will«, versuche ich mich herauszureden, aber ich weiß genau, dass mein Ablehnen bei Sophia nicht den richtigen Nerv treffen wird. Ihre Ohren hören nur das, was sie auch hören wollen. Typisch Phia.
»Komm schon Emma. Das wird ganz bestimmt toll...« Sophia, meine beste Freundin seit Kindertagen, redet eine Stunde lang auf mich ein. Bisher war ich fest davon überzeugt, standhaft zu bleiben, aber mittlerweile bin ich kurz davor, alles zu tun, damit sie Ruhe gibt.

Seufzend lasse ich mich auf mein geliebtes rosa Sofa fallen.

»Martin wird da sein«, lamentiere ich und hoffe, damit ihre weiche Seite zu treffen. Ich sehe vor mir, wie sie die Augen verdreht und wie gewöhnlich an ihren langen Locken zupft. Das Telefon lege ich zur Seite und reibe mir mein erhitztes Ohr. Obwohl ich den Hörer nicht in der Hand halte, kann ich hören, dass Sophia lautstark protestiert. Martin ist nicht mehr wie früher. Martin ist jetzt ganz anders. Er wird dich schon in Ruhe lassen. Blablabla.
Er war mein erster Freund und schon damals ein Arschloch.
Schließlich hat er mich vor fünf Jahren einfach sitzen lassen, weil ich nicht mit ihm in die Kiste wollte. Hallo? Ich war erst 15 und hatte gerade meine Mutter verloren.
»Em, bitte. Wir haben uns schon seit gefühlten tausend Jahren nicht mehr gesehen, ich vermisse dich...« Na klar. Jetzt kommt die Mitleidstour. Sophia wusste schon immer, wie sie mich am besten um den Finger wickelt. Es versetzt mir einen Stich, sie so zu hören, denn ich weiß, es ist ihr Ernst. Sie vermisst mich, so wie ich sie.

Nachdem meine Mutter vor fünf Jahren an Krebs starb, zogen mein Vater und ich nach Köln. Die Jahre hier waren nicht unbedingt schlecht, aber mir hat immer etwas gefehlt. In der Schule habe ich mich eingelebt als das Mädchen, das ich von da an war. Ein Mädchen, das nicht über den Verlust ihrer Mutter hinweg kommt. Meine Mitschüler haben mich in Ruhe gelassen und zum Glück habe ich meinen Abschluss sofort geschafft und ich konnte meinen unbefriedigenden Beruf erlernen - als ich ihn ausgewählt habe wusste ich natürlich noch nicht, dass er unbefriedigend sein würde. Durch den Umzug wollte mein Vater etwas besser machen.

Er wollte mich beschützen. Er wollte weg. Weg von den Menschen, die uns mitleidig anschauen und dadurch bloß den Schmerz verstärkten. Weg von den Altlasten. Aber auch weg aus dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Weg von meiner besten Freundin.

Seitdem haben wir uns nicht mehr oft gesehen. Da ich jetzt mit 20 erst meinen Führerschein gemacht habe und so bisher kaum Gelegenheit hatte, Sophia entgegenzukommen, finden wir selten einen Zeitpunkt, um uns zu treffen. Für zwei Stunden würde sich der Aufwand nicht lohnen. Also haben wir es bisher so geregelt, dass sie alle paar Monate für ein Wochenende zu mir fährt.

Schon oft hatten wir die Diskussion, dass ich auch mal mit dem Zug zu ihr fahren könnte, um dort zu übernachten. Jedes Mal, wenn ich kurz davor stand zu resignieren, brachen die Gefühle, die ich bei meiner Abreise hatte, wieder über mich herein. Damals war ich deprimiert, zerschmettert, einsam und hoffnungslos. Hatte meine Mutter verloren und musste meinem Vater in ein fremdes Leben folgen.

Bei dem Gedanken an meinen Vater werde ich wütend – wird das denn nie enden? Vor fünf Monaten hat mein Vater sich dazu entschieden, mich aus seinem Leben zu verbannen. Ist es die Midlifecrisis oder hat er einfach eingesehen, dass er sein Leben ändern muss. So oder so, er hat überreagiert. Er hat seine eintönige Arbeit beim Juwelier gekündigt, sich seine neue 25-jährige Freundin geschnappt, die Stadt beinahe fluchtartig verlassen und mich alleine gelassen. Nach einer Woche rief er mich an und sagte mir, dass er sich in Bali ein kleines Häuschen gemietet habe und es ihm fantastisch gehe.

Seither gab es keine Nachricht mehr. Ich kann mir nicht erklären, warum er jetzt und so plötzlich sein Leben um 180 Grad geändert hat, aber dort ist kein Platz mehr für seine Tochter.

Dieser Verlust schmerzt so sehr, dass es mir vorkommt, als hätte ich ihn verloren – so, wie Mama.

Ich wollte wirklich nicht mit der mein-Vater-hat-mich-verlassen-Karte ankommen und bin auch nicht stolz darauf, sie auszuspielen. Aber er hätte sicher nichts dagegen, dass ich ihn als Ausrede benutze. Zumindest das ist er mir schuldig.
»Ich bin einfach nicht in der Stimmung, an früher zu denken.«
Ich höre wie Sophia sich aufsetzt und den Fernseher leiser schaltet.
»Süße, hier kann ich dich aber besser auf andere Gedanken bringen. Ich kann nicht zu dir nach Köln kommen. Ich habe schon nach Urlaub gefragt, aber mein Chef ist ein riesiges Arschloch. Ich werde dir eine tolle Ablenkung verschaffen. Du hast jetzt doch ohnehin ein paar Wochen frei. Dann kannst du so lange hier bleiben wie du willst, ja?.« Ich seufze. Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Nachdem mein Vater abgehauen ist, habe ich mir geschworen, mein Leben ebenfalls neu zu ordnen. Der Job im Immobilienbüro hat mir vom ersten Tag meiner Ausbildung an nicht zugesagt, aber ich hatte nie den Ansporn gefunden, mir etwas Neues zu suchen. Ich war davon überzeugt, dass es Wichtigeres gab, als meinen Traumberuf auszuüben. Nur weiß ich jetzt nicht mehr, was genau dieses Wichtigere ist.

Kinder? Hab ich nicht! Ein Haus? Hab ich nicht!
Ein Sexleben? Muss ich mich wiederholen?
Seit ich ein kleines Mädchen war, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als in einer Buchhandlung zu arbeiten. Bücher spielten in meinem Leben schon von jeher eine bedeutende Rolle. In sie bin ich geflüchtet, als mein Nachbar und Schwarm die Stadt verlassen musste. Als meine Mutter aus meinem Leben gerissen wurde und auch, als ich meine Freunde verloren hatte. Der Geruch der Bücher, das Reden mit anderen Buchsüchtigen und allein ihr Anblick beruhigen mich, aber bisher hat sich nie die Gelegenheit dazu ergeben, mir einen Job in dieser Branche zu schnappen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich aktiv danach gesucht habe. Jetzt trete ich in genau zwei Monaten meine Ausbildung in einer Buchhandlungskette an und bin voller Vorfreude. Endlich kann mein Leben beginnen. So, wie ich es will.

»Na gut«, murmele ich in das Mikrophon des Handys.
»WAS?« Sophias Stimme klingt so schrill in meinem Ohr, dass es schmerzt.
»NA GUT! Na gut, ich komme.« Ich resigniere. Was soll auch schon Schlimmes passieren? Außer natürlich, dass ich einen unvergesslich demütigenden Abend verbringen muss und alle Leute aus meiner Vergangenheit wiedersehe, auf die ich gut und gern verzichten kann.

Als ich vor drei Wochen eine E-Mail von unserem ehemaligen Klassensprecher bekam, musste ich zweimal hinschauen. Zunächst konnte ich den Nicknamen nirgends einordnen. Bis ich gelesen habe, dass unsere alte Klasse ein Treffen organisieren will und tatsächlich an mich gedacht hat. Mein erster Gedanke war, dass ich Sophia umbringen würde. Mir war nämlich sofort klar, dass sie dahinter stecken musste. Sie hatte daran erinnert, dass es mich gab. Sonst hätte mich niemand eingeladen.

Ich behaupte nicht, dass ich unbeliebt war, aber ich würde auch nicht das Gegenteil garantieren. Ich war einfach da – nicht mehr und nicht weniger. Nicht die Klassenstreberin, nicht der Klassenclown, nicht die Hibbelige – diese Stelle hatte Sophia an ihrem ersten Schultag für sich beansprucht – nicht die Klassensprecherin oder die Klassensportlerin, nicht der Emo oder der Punk. Einfach nur Emma. Die unscheinbare beste Freundin der hibbeligen Sophia, die alle Blicke auf sich zog und mich damit in den Hintergrund drängte.

Sophia jubelt mir vergnügt ins Ohr, was mir sofort ein Lächeln auf die Lippen zaubert. »Das wird so unvergesslich. Du wirst meine Wohnung lieben. Oh Emma, ich habe dir so viel zu zeigen.« Seit unserem Umzug bin ich nicht mehr in dem Örtchen gewesen, aber ich bezweifele, dass sie mir wirklich viel zu zeigen hat.

»Soll ich dich am Bahnhof abholen? Oder sollen wir uns direkt in der Kneipe treffen?« Was war denn das für eine Frage?
»Meinst du, ich komme total verschwitzt und mit meinem Koffer unterm Arm in die Kneipe?« Sie kichert.
»Gut, dann bis heute Abend. Ich freue mich.«

Wir legen auf und zwiespältige Gefühle bekämpfen sich in meinem Innern. Einerseits spüre ich bereits die Schmerzen meiner Vergangenheit und ich habe keine Ambitionen meine alten Schulkameraden zu treffen. Andererseits freue ich mich sehr, meine beste Freundin nach über acht Monaten endlich wieder zu sehen.

Obwohl wir uns so selten sehen, haben wir es mithilfe wöchentlicher Telefonate bis jetzt geschafft, unsere Freundschaft aufrechtzuerhalten. Ich weiß alles über sie. Weiß, wie sehr sie ihren Job als Verkäuferin bei einem großen Modelabel hasst. Ihn jedoch nicht kündigen will, um ihre Eltern nicht zu enttäuschen, die ihr den Job beschafft haben. Sophia bedeutet ihre Familie alles. Ihr Traum war schon immer, Mitglied einer Großfamilie zu sein. Mit Kindern, Eltern, Schwiegereltern in einem Haus zu leben – und dieser Wunsch ist nach wie vor aktuell.

Ich bin gespannt, ob diese Hoffnung demnächst wahr werden könnte. Ich befürchte, die nächsten Tage nichts anderes zu hören, als die Schwärmereien über ihren neuen Superfreund. Über den weiß ich im Übrigen auch schon alles. Obwohl ich ihn bisher kein einziges Mal gesehen habe und vermutlich auf der Straße nie erkennen würde. Schließlich erwarte ich einen fleischgewordenen Adonis.

Stark wie Thor, charmant wie Tony Stark und unwiderstehlich wie Johnny Depp.

Ich stehe vor meinem Schrank und überlege verzweifelt, was ich heute Abend anziehen soll, als mir mein kurzes schwarzes Kleid in die Augen springt.

»Jede Frau braucht ein kleines Schwarzes.« Das waren Sophias Worte. Ich gehe nicht besonders oft aus und habe daher auch keinen Grund, mich aufzutakeln. Aber vielleicht kann ich den Jungs zeigen, was sie früher verpasst haben. Dass ich nicht mehr das kleine Mauerblümchen bin, das sie einfach so schnell abgeschrieben haben. Außer Martin hat sich niemand für mich interessiert, und obwohl ich da jetzt nichts mehr darauf gebe, will ich ihnen etwas beweisen. Ist das nicht ohnehin das Ziel eines Klassentreffens? Zeigen, was man aus sich gemacht hat.
Na toll... Was habe ich schon Großes vorzuweisen?
Kein Kommentar.
Also muss ich mit meinem Körper überzeugen und vielleicht mit meinem neu erworbenen Charisma?
Meinem Charisma, das ich jetzt die nächsten Stunden neu erwerben werde? Wäre es doch so einfach wie bei Sims, dieses zu erlernen.
Aber fürs Aufsehen erregen war schon immer Sophia zuständig.

Ich denke an etwas, was meine Mutter mir in der Pubertät immer wieder gepredigt hat. »Mach dir keine Gedanken darüber, was die Menschen über dich denken, mein kleiner Engel. Alle Menschen, die dich nicht lieben, haben es nicht verdient, von dir geliebt zu werden.« Mama...
Die Gedanken an sie schmerzen nicht mehr so sehr. Auch wenn ich mich immer noch frage, warum ausgerechnet sie so früh gehen musste, danke ich Gott für jede Erinnerung an sie. Für jeden Moment, den ich mit ihr verbringen durfte.
Claudias Tagebuch hat mir damals großen Halt gegeben – es wurde tatsächlich beinahe wie ein Freund.
Manchmal blättere ich noch in meinen alten Tagebüchern und überfliege meine Worte.

Kapitel 2 Dylan 

Jetzt ist endlich der Moment gekommen, auf den ich seit 31 Tagen sehnsüchtig warte. Vor einiger Zeit habe ich beschlossen, einmal im Monat einen Samstagabend für mich zu beanspruchen. An dem ich an keine andere Person denken und niemandem Rechenschaft abliefern muss. Wo ich sein kann wie ich bin und die Konsequenzen ausblende.
Wo ich nicht zuhause hocken und Serien schauen oder kochen muss. Ein Abend für mich um frei zu sein.
Als ich aus der Dusche steige, mir das Wasser von den Haaren auf den Boden tropft, interessiert es mich nicht, dass Kelly vor der Tür umhertigert. Wartet, dass ich ihren Klatschgeschichten zuhöre. Ich konzentriere mich darauf, dass ich bald abhauen kann.

Bin ich egoistisch? – Ja, vielleicht. Aber wenn ich anfange mir Gedanken darüber zu machen, dann werde ich es abblasen und dann? Dann werde ich heute Abend Spaghetti Bolognese kochen und eine DVD schauen. Mit viel Fantasie werde ich danach noch ein Spiel auf der Playstation zocken. Traurig, oder? Also schiebe ich alle Gedanken beiseite und konzentriere mich darauf, meine wirren Haare zu stylen. Was sich allerdings als hoffnungslos herausstellt. Also lasse ich sie an der Luft trocknen und verleihe ihnen einen wilden Look. Mein legeres Outfit habe ich mir schon vor ein paar Tagen rausgelegt – Gott, klingt das erbärmlich.

Als es klopft und Kelly laut stampfend zur Tür stürzt, um Maya zu begrüßen, atme ich erleichtert aus. Jetzt hat sie einen anderen Klatschpartner gefunden. Beinahe hüpfend gehe ich die Treppen hinab und geselle mich zu den Mädels. Ich muss mich unbedingt bemühen, nicht so euphorisch auszusehen!

Ich umarme Maya zur Begrüßung.
»Und du machst dir heute einen schönen Abend?« Sie lächelt mich lässig an und geht wie selbstverständlich zum Kühlschrank, um sich und Kelly eine Flasche Cola zu holen.
»Wann kommst du zurück? Vielleicht schlafe ich dann hier, wenn das in Ordnung ist.« Während sie einen großen Schluck davon nimmt, lässt sie sich über die Couchlehne zu Kelly fallen.
»Ich weiß noch nicht, aber macht ihr euch ruhig einen schönen Abend mit … Dingen, die Mädchen eben so machen.«

Beide nicken euphorisch.
»Das machen wir. Nägel lackieren, über Jungs lästern und Süßes naschen. Oder, Kelly?« Wie aufs Stichwort läuft diese zur Küche und kommt mit einer Tüte Chips zurück. Die viel zu großen Leggins rutschen ihr bei jedem Schritt von der Hüfte, aber sie musste genau diese, mit dem Galaxyprint darauf, unbedingt haben.
»Du kannst jetzt gehen. Wir brauchen dich nicht. Tschüss Dylan.«
Kelly mag die Abende nicht, an denen ich mir meinen Freiraum nehme, und ist dann den gesamten Tag sowie den nächsten zickig. Sie behandelt mich, als wäre ich nur ein lästiges Anhängsel, das sie in ihrem Leben duldet.

Ich gebe ihr einen Kuss auf den Scheitel und verabschiede mich mit schwerem Herzen. Das wird vergehen.
Sie zeigt mir immer noch die kalte Schulter, als ich ihr sage, dass ich sie lieb habe und dann die Tür hinter mir schließe.
Ich atme durch und fühle zum ersten Mal seit einem Monat, wie die ganze Last von meinen Schultern fällt. Freiheit.
Tschüss Verantwortung. Hallo, Leben. 

Aufrecht hinstellen. Hände in die Taschen.
Zuerst will ich nochmal ganz für mich sein. Will keine Menschenseele um mich haben, um mein inneres Ich nach außen kehren zu können. Und ich kenne genau die richtige Stelle für mein Vorhaben.
Früher bin ich, wenn ich mal wieder von allem angekotzt war, mit dem Fahrrad dorthin gefahren. Ich benötigte eine Stunde und hatte meinen Frust auf dem Weg meist schon halbiert.
Dort konnte ich mir über alles klar werden und meine Gefühle rauslassen. Natürlich durfte das niemand erfahren.
Ich hatte schließlich einen Ruf zu verlieren.
Heute danke ich Carl Benz, dass er das Automobil erfunden hat. Denn so schaffe ich die Strecke in nur zwanzig Minuten. 

Ich folge einem Pfad in den Wald und hoffe, dass mir keine Touristen begegnen.
Ich will meinen Frieden.
Der Weg läuft immer schmaler zusammen, bis ich am hintersten Parkplatz halten muss. Hierher verlaufen sich wirklich nur Hardcorecamper oder irgendwelche Wanderer.
Die restlichen Meter muss ich zu Fuß antreten.

Der Wald ist dicht bewachsen und nur einzelne Sonnenstrahlen wagen überhaupt den Versuch, sich durch das Dickicht der vollen Baumkronen zu kämpfen.
Vor allem im Winter bin ich gerne hierhergekommen. Wenn die Lichtstrahlen die klaren Kristalle aus Eis, die von den Ästen hingen, anschienen. Es war, als wären es meine persönlichen Diamanten, die aus den Bäumen sprossen.
Wenn ich total durchgefroren nach Hause kam, hat sich meine Mutter natürlich fürchterlich aufgeregt, aber das war es mir allemal wert. Das wäre es heute immer noch.
Hier oben ist man am höchsten Punkt, den man zu Fuß erreichen kann, und hat einen wundervollen Blick hinunter ins Dorf. Ich habe das Gefühl, niemand könne mir etwas antun. Niemand könne über mein Leben bestimmen.
Ich habe es selbst im Griff, kann es in die Richtung lenken, in die ich will.
Ich setze mich auf eine kleine, von außen kaum erkennbare Lichtung und lasse den Blick schweifen. Der Wind weht mir durch die Haare, lässt die Blätter um mich herum tanzen. Ich habe mir immer gerne eingebildet, sie würden mir Dinge zuflüstern. Mir Geschichten aus alten Zeiten erzählen, doch heute ist es der ganze Ort, der mir von früher erzählt.
Die Vögel singen hier oben ihre eigenen Lieder, stimmen in die der anderen mit ein, ohne durch Autolärm oder andere, von Menschen erschaffenen, Störquellen unterbrochen zu werden.
Ein kleines Konzert, nur für meine Ohren bestimmt. 

Ich bleibe hier sitzen, eine ganze Zeit lang und genieße die frische Luft. Erliege meinen Erinnerungen und wünschte, ich könnte Einiges ändern.
Könnte so vieles anders und ungeschehen machen.
Aber das Leben dreht sich weiter. Unumgänglich.
Ich stehe auf, klopfe mir den Dreck von der Hose und mache mich endgültig auf den Weg. Zu der einzigen Kneipe in diesem gottverdammten Dorf. Die bestmögliche Ablenkung von den ganzen Bauernhöfen, grinsenden Hausfrauen, schwitzenden Vätern und dem schablonenhaften Alltag aller Dorfbewohner. 

Ja nicht aus der Reihe tanzen, war schon immer die Devise und wehe, du stellst dich quer oder wählst einen anderen Lebensweg. Seitdem ich wieder hier bin, werde ich schief von der Seite angesehen. Sie wissen von meiner Vergangenheit, kennen meine momentane Lebenssituation und meiden meist den Kontakt zu mir.
In der ersten Zeit haben sie noch versucht, mir vorzuschreiben, wie ich mich zu benehmen habe, haben versucht mir zu helfen und mir Lebenstipps zu geben.
Sie wollten mich in ihr Muster drängen, das für mich einfach nicht möglich ist. Sie wollten mich jeden Sonntag in der Kirche sehen, wollten, dass ich Nachbarschaftsfeste besuche und sogar etwas dazu beitrage.
Nur kennenlernen, das wollten sie mich nicht.

Aber das ist jetzt vergessen.

Heute rückt alles in den Hintergrund, vor allem die engstirnigen Besserwisser. Gut gelaunt und voller Tatendrang laufe ich runter in die Kneipe und hoffe darauf, irgendjemanden zu treffen, mit dem ich den Abend verbringen kann. Wenn nicht, werde ich ihn alleine genießen und einfach wieder jung sein. Jung für einen Abend.

Kommentare:

  1. Das klingt schon richtig gut!
    Vor allem wie du sofort leben in die Charaktere gezaubert hast! :)

    Lg <3

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  2. Das Buch ist sehr gut. Ich empfehle es zu kaufen. Es lohnt sich.

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  3. Das Buch ist sehr gut. Ich empfehle es zu kaufen. Es lohnt sich.

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